Hotelbetreiber und Eventplaner investieren in Waffen: Lobbyarbeit in der Veranstaltungsindustrie
(Berlin, 28.02.2016, BF) „Wir müssen handeln!”, fordert Karl-Heinz M., Hoteldirektor eines bekannten Tagungshotels. „Alle meine Mitarbeiter werden mit Schusswaffen ausgestattet, an der Rezeption werden Gäste mit Stahlhelm empfangen und im Bankettbereich stehen auf Wunsch Großkaliber zur Verfügung. Darüber hinaus bieten wir bald den hoteleigenen Shuttle-Service durch Einsatz unserer neuen Flotte gepanzerter Fahrzeuge an.” Aber was ist der Grund für all diese Maßnahmen? Hintergrund dieses Plans ist es, den Einfluss auf die Politik und Wirtschaft zu erlangen, den die Branche verdient. Mit Investition in Rüstungsgütern hofft man zu den Kreisen derer zählen zu können, die durch Lobbyistengeschick oder Beziehungen – ja sogar dem Wirtschaftsminister persönlich – mehr Macht haben.
Bundeswirtschaftsminister verteidigt Waffenexporte
Der Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel verteidigt in der Hauptstadt die Exporte von todbringenden Waffen. Obwohl er vor zwei Jahren angekündigt hatte, die Waffenexporte in Krisengebiete zu reduzieren, scheint die Lobby in diesem Wirtschaftszweig mehr Einfluss nehmen zu können. Immerhin handelt es sich auch um ein Umsatzvolumen von 7,5 Milliarden Euro. Aber Moment, diese Summe entspricht ja nicht einmal der Umsatzsteuer, die die Hotellerie und Gastronomie zahlen!? Warum verteidigt ein Bundesminister vor der versammelten Presse den Export von todbringenden Waffen für einen derartig mickrigen Wirtschaftszweig? Da liegt der Verdacht doch nahe, dass das Stichwort „Lobbyarbeit” heißt.
Lobbyarbeit funktioniert — wenn man Teil der richtigen Branche ist
Wenn man sich ansieht, wie leicht Lobbyisten es haben, die Gesetze und Förderungen für bestimmte Wirtschaftszweige zu beeinflussen, ist es klar: In Deutschland haben sie das Sagen! Nehmen wir als Beispiel das Konjunkturpaket II im Jahr 2009. Damals wurde die Abwrackprämie eingeführt, um die Automobilbranche anzukurbeln. Die Presse jubelte: „Abwrackprämie sorgt für Autoboom in Deutschland” (Die Zeit), „Autoindustrie jubelt über Abwrackprämie” (FAZ) oder „Erfolg verstopft die Schrottplätze” (Focus). Aber als kurz darauf das Konjunkturpaket III beschlossen wurde und die Mehrwertsteuer für Hotelübernachtungen von 19% auf 7% gesenkt wurde, sah die Sache schon ganz anders aus. Schlagzeilen wie „Haben in Deutschland die Lobbyisten das Sagen?” (Tagespiegel), „Spendenskandal bei der FDP” (taz) oder „Westerwelle kanzelt Kritiker ab” (Süddeutsche Zeitung) waren in aller Munde.
Dass die Hotelbranche nach der Mehrwertsteuersenkung in Anschaffungen, Renovierungen und Energieeffizienz investiert hat und 32.678 neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze geschaffen hat, ist scheinbar nur noch eine Nebensache. Im Vergleich dazu war man in Teilen der Automobilindustrie wohl mehr damit beschäftigt, höhere Margen in Softwarelösungen für Abgasanlagen zu investieren...
Tourismus- und Veranstaltungswirtschaft wird völlig unterschätzt
Es ist an der Zeit, dass die Tourismus- und Veranstaltungswirtschaft endlich die Anerkennung bekommt, die sie verdient. Wie viel Wachstum muss diese Branche noch vorweisen, um Wahrnehmung zu erlangen? An den Umsatzzahlen kann es jedenfalls nicht liegen. Die MICE-Studie (Meetings, Incentives, Conventions, Events) der ghh consult GmbH mit Sitz in Wiesbaden weist mit der Studie „Der deutsche Tagungs- und Kongressmarkt 2014/2015” ein Umsatzvolumen von 74 Milliarden Euro aus – für 2015/2016 wird sogar ein erneutes Wachstum von 10,8% auf 82 Milliarden Euro prognostiziert. Diese enorme Wirtschaftskraft entspricht in etwa dem Umsatz von Siemens im Geschäftsjahr 2015 – satte 75,6 Milliarden Euro!
Die Big Boys in der Industrie und Wirtschaft übertreffen sich gegenseitig, wer die meisten Lobbyausgaben hat. Siemens ist mit 4,4 Millionen Euro ganz vorne, aber auch Daimler mit 2,6 Millionen ist nicht weit dahinter. VW hingegen findet man nicht unter den zehn Topplatzierten. Aber hey, dafür haben sie einen Umsatz von 83,8 Milliarden Euro gemacht! Da können die anderen ja mal neidisch sein... Die Gastronomie- und Hotelleriebranche steht der Industrie und Wirtschaft in puncto Umsatzvolumen in nichts nach – im Gegenteil. Der DEHOGA Bundesverband berichtete im Frühjahrsreport 2015 von 73,2 Milliarden Euro Umsatz im Beherbergungs- und Gaststättengewerbe basierend auf der Umsatzsteuerstatistik 2013 des Statistischen Bundesamtes. Aber was nimmt die Öffentlichkeit wahr? Querelen im Ausbildungsbereich, überflüssige Diskussionen über Mindestlöhne sowie Debatten über vorhandene Investitions- und Innovationsrückstaus.
Lobbyarbeit ist unsere einzige Chance
Weisheiten wie „Wer nichts wird, wird Wirt” spiegeln nicht gerade wider, dass diese Unternehmer unter anderem den höchsten behördlichen Anforderungen ausgesetzt sind. Aber die weit verbreitete Meinung, dass Veranstaltungsorganisatoren bessere Partylöwen sind, obwohl sie für das effektivste Kommunikationsinstrument verantwortlich sind und ein Barometer der Wirtschaftskraft eines jeden Landes zeugt auch nicht gerade von einer wünschenswerten Wahrnehmung. Lobbyarbeit ist unsere einzige Chance!
Bildquelle: Bernd Fritzges, eOrbit GmbH Team